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30 Jahre Pokémon: Scalper, Vorverkaufs-Chaos und der Cardmarket-Warenkorb-Trick

7 Min. Lesezeit · Stand 2026-09-17 · von René Ramos

Am 16. September 2026 ist „30 Jahre Pokémon“ erschienen – zum ersten Mal in der Geschichte des Sammelkartenspiels weltweit am selben Tag, in allen Sprachen. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Stattdessen reden alle über leergekaufte Regale, Vorbestellungen zum dreifachen Preis, Bots, Scalper – und über einen Trick, mit dem sich die Community auf Cardmarket wehren wollte, bis Cardmarket die Reißleine zog. Hier ist die ganze Geschichte, so nüchtern wie möglich – und was das für dich als Sammler bedeutet.

Was ist „30 Jahre Pokémon“ überhaupt?

„30 Jahre Pokémon“ (englisch „30th Celebration“) ist das Jubiläums-Set zum 30. Geburtstag der Marke. Es erschien am 16. September 2026 gleichzeitig in allen Regionen – ein Novum, das eigentlich genau das verhindern sollte, was dann trotzdem passiert ist: dass Karten aus einer Region vor dem Start in anderen Ländern zu Fantasiepreisen gehandelt werden. Weitere Produkte folgen in Wellen am 2. Oktober, 30. Oktober, 6. November und 4. Dezember 2026.

Das begehrteste Produkt ist – wie fast immer – die Elite Trainer Box (ETB): neun Booster, eine Nidorina-Full-Art-Promo, Sleeves, Energien, Schadensmarken. Dazu kommen Booster-Bundles, Binder-Kollektionen, eine Ultra-Premium-Kollektion und eine exklusive Pokémon-Center-Variante der ETB. Genau diese Verknappung über Varianten ist der Nährboden für alles, was danach kam.

Der Vorverkauf: ausverkauft in Minuten, Preise mal drei

Schon im Sommer war klar, wohin die Reise geht. Als in den USA am 18. August 2026 über Nacht ein Vorbestellfenster bei Target aufging, waren die ETBs innerhalb von etwa zwanzig Minuten wieder auf „nicht verfügbar“ – lange bevor die meisten Sammler überhaupt wach waren. Wer da zugriff, waren zu großen Teilen Bots und Wiederverkäufer.

Parallel stellte eine große US-Handelskette die Vorbestellungen gleich selbst mit Aufschlag ins Regal: rund 170 US-Dollar für eine ETB, deren Listenpreis bei etwa 55 Dollar liegt, 90 Dollar für ein Booster-Bundle, das regulär unter 30 kostet – und die Preise wurden während der Vorbestellphase noch einmal erhöht. Auf eBay wechselten ETB-Vorbestellungen für 175 bis 220 Dollar den Besitzer, das Drei- bis Vierfache des Ladenpreises. Nicht die Pokémon-Center-Exklusiv-Version, wohlgemerkt – die ganz normale Box.

In Deutschland lief es ruhiger, aber nach demselben Muster: Vorbestellkontingente bei Fachhändlern waren schnell weg, und wer zu spät kam, fand die Boxen kurz darauf bei Wiederverkäufern zum Mehrfachen wieder.

Die Skandale rund um den Start

Der erste Aufreger kam noch vor dem Release: Bereits im August tauchten auf eBay Karten aus dem noch unveröffentlichten Set auf – Ware, die auf dem Weg von der Druckerei zum Händler „verloren gegangen“ war. The Pokémon Company International schaltete sich ein, eBay entfernte die Angebote unter Verweis auf seine Richtlinie zu gestohlenem Eigentum. Wer so eine Karte gekauft hat, sitzt heute auf einem Stück Diebesgut mit unklarer Herkunft.

Der zweite: die Wiederverkäufer-Plattform Mercari in Japan verbot ab dem 16. September pauschal alle Angebote für versiegelte 30th-Celebration-Produkte – Booster, Displays, Kollektionen. Einzelkarten bleiben erlaubt. Die Begründung war ungewöhnlich offen: Ein „sicheres Handelsumfeld“ könne für diese Produkte nicht gewährleistet werden. Übersetzt: Man wollte nicht die Bühne für den Scalper-Aufschlag sein.

Der dritte spielte sich am Release-Tag selbst ab. In Großbritannien standen Sammler nachts vor den Läden, in den USA war die Ware bei Best Buy, Target und Walmart innerhalb von Minuten weg – manche Filialen bekamen gar keine Jubiläumsprodukte. Käufer berichteten, dass ihnen der Warenkorb noch während des Bezahlvorgangs unter den Händen weg ausverkauft wurde. In den sozialen Medien kursierten Fotos von Einzelpersonen mit Einkaufswagen voller ETBs. Ein Kommentar, der die Stimmung gut trifft: „Scalper machen das Hobby für alle kaputt.“

Der Cardmarket-Warenkorb-Trick – und warum er nach hinten losging

Auf Cardmarket, dem größten europäischen Marktplatz für Sammelkarten, explodierten die Preise für die ETBs und Kollektionen kurz nach dem Start – getrieben von genau den Verkäufern, die vorher die Regale geleert hatten. Ein Teil der Community wollte das nicht hinnehmen und griff zu einem Trick: Man legte die überteuerten Angebote massenhaft in den eigenen Warenkorb. Was im Warenkorb liegt, ist für andere Käufer zeitweise nicht kaufbar – die Idee war, den Scalpern schlicht die Käufer wegzunehmen und sie auf ihrer Ware sitzen zu lassen.

Was als Protest gemeint war, ist aus Sicht des Marktplatzes ein Missbrauch der Plattform: Warenkörbe sind zum Kaufen da, nicht zum Blockieren. Cardmarket hat reagiert und Accounts, die das Blockieren in großem Stil betrieben haben, sperren lassen. Für die Betroffenen heißt das im schlimmsten Fall: Kauf- und Verkaufshistorie, Bewertungen und Guthaben sind weg – wegen einer Aktion, die den Scalpern am Ende kaum geschadet hat. Denn die haben einfach neue Angebote eingestellt.

Man kann die Wut verstehen. Aber der Trick trifft die falschen: Cardmarket selbst verdient an den überteuerten Verkäufen nur die Gebühr, die ehrlichen Verkäufer mit fairen Preisen werden genauso blockiert wie die Scalper, und der eigene Account ist ein hoher Einsatz für einen symbolischen Effekt. Unser klarer Rat: Finger weg davon.

Was du als Sammler jetzt tun solltest

Erstens: Zahl den Scalper-Aufschlag nicht. Das Vorgängerjubiläum „Celebrations“ zum 25. Geburtstag war 2021 genauso hysterisch – und ist Jahre später zu vernünftigen Preisen zu haben. Jeder Euro über dem Ladenpreis ist eine Wette darauf, dass die Nachfrage nie nachlässt. Bisher hat diese Wette bei Massenprodukten fast immer verloren. Die Nachschub-Wellen sind bereits terminiert; Geduld kostet dich Wochen, nicht Monate.

Zweitens: Kauf beim Fachhändler zum Listenpreis oder gar nicht. Newsletter und Benachrichtigungen der Händler sind langweiliger als ein eBay-Sofortkauf, aber sie funktionieren. Und melde Angebote, die offensichtlich aus geleakter oder gestohlener Ware stammen, statt sie zu kaufen.

Drittens – und das ist unser Thema: Wenn du das Set öffnest, behandle die Karten von der ersten Sekunde an so, als wären sie schon wertvoll. Die Full-Art-Promos und die Chase-Karten dieses Sets werden in den nächsten Jahren gegradet werden, und der Zustand entscheidet über den Wert. Sleeve direkt aus dem Booster, keine Karten auf dem Tisch stapeln, nicht mit fettigen Fingern über die Holo-Fläche. Und wenn eine Karte schon Fingerabdrücke, einen Schmutzfilm oder eine kleine Delle abbekommen hat, ist das kein Weltuntergang – genau dafür gibt es uns.

Unser Fazit

„30 Jahre Pokémon“ hätte das große Fest werden sollen. Dass es sich stattdessen wie ein Hindernislauf anfühlt, liegt nicht am Set, sondern an einem Markt, in dem ein Teil der Käufer nur noch den Wiederverkauf im Kopf hat – und an Händlern, die kräftig mitverdienen. Die Gegenwehr der Community ist verständlich, der Warenkorb-Trick war trotzdem der falsche Weg. Der einzige Hebel, der wirklich wirkt, ist der langweiligste: nicht zum Wucherpreis kaufen. Wenn niemand 200 Euro für eine 60-Euro-Box zahlt, ist das Geschäftsmodell der Scalper vorbei.

Häufige Fragen

Wann ist „30 Jahre Pokémon“ erschienen?

Am 16. September 2026, erstmals weltweit gleichzeitig in allen Sprachen. Weitere Produkte des Jubiläums folgen am 2. Oktober, 30. Oktober, 6. November und 4. Dezember 2026.

Was ist der Cardmarket-Warenkorb-Trick?

Teile der Community legten überteuerte Jubiläums-Angebote massenhaft in ihre Warenkörbe, damit sie für andere Käufer zeitweise nicht kaufbar waren – als Protest gegen Scalper-Preise. Cardmarket wertet das als Missbrauch der Plattform und hat entsprechende Accounts sperren lassen. Wir raten dringend davon ab.

Lohnt es sich, eine ETB zum Scalper-Preis zu kaufen?

Aus unserer Sicht nicht. Nachschub-Wellen sind bereits angekündigt, und das vergleichbare 25-Jahre-Set „Celebrations“ ist Jahre nach dem Release zu normalen Preisen erhältlich. Wer das Drei- bis Vierfache zahlt, wettet gegen die Erfahrung der letzten Jubiläen.

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